26.06.2020

Portrtserie kql.de, Folge 7, Teil 1: Familie Hafizoglu weltoffen und traditionell

Oben: Familie Hafizoglu bei murs (2.v.l.) Abiturfeier 2008, mr bei einer Gstefhrung in Lohberg. Unten: seine Eltern Zekiye und Ilhami

„Wir sind Türken, Türken in Deutschland“, sagt Zekiye Hafizoglu überzeugt. Als Zweijährige kam sie nach Deutschland, mit 19 Jahren nach Lohberg. Mit ihrer Familie lebt sie seit 1984 in der Gartenstadt. Die Verkäuferin ist selbstbewusst, unkonventionell und legt Wert auf eine türkische Lebensweise, was ihren Glauben einschließt. Ihr jüngerer Sohn Ömür ist BWL-er und Gästeführer in Lohberg, ihr Mann arbeitete früher auf der Zeche.

 

Lohberg ist seit Jahrzehnten ihr Lebensmittelpunkt, aber ihre Heimat ist in der Türkei. Sie ist gläubige Muslima und arbeitete fünf Jahre lang im Vorstand des Moscheevereins mit, hat aber nie ein Kopftuch getragen – was in den 1980-er Jahren in Lohberg äußerst ungewöhnlich war. Sie ist ein Familienmensch und glückliche Oma, ging aber als junge Mutter in Teilzeit arbeiten. Und Zekiye Hafizoglu betont: „Ich lasse mir von niemandem etwas vorschreiben.“ 

 

Familien von der Schwarzmeerküste

 

Ihre Herkunftsfamilie und die ihres Mannes kannten sich, sie stammen beide von der Schwarzmeerküste. Aber Zekiye Hafizoglu hatte den Mann, den sie heiraten sollte, noch nie gesehen und war skeptisch. „Mein Vater hatte dafür Verständnis und meinte, es sei eine gute Familie, ich solle sie kennenlernen und dann selbst entscheiden.“ Die knapp 19-Jährige befand, der 26-jährige İlhami sei ein lieber Mann und sagte ja.

 

Schockiert: „Zechen kannte ich nicht“

Aufgewachsen in Nürnberg, wo sie auch eine Ausbildung zur Verkäuferin machte, kam sie als junge Frau nach Lohberg. „Ich war schockiert. Zechen und schwarze Berge kannte ich nicht. In Nürnberg haben wir mit Erdgas geheizt.“ Auch die alten Häuser und Straßen missfielen ihr. Aber Zekiye Hafizoglu lebte sich ein.1985 kam Sohn Ugur zur Welt, 1988 sein Bruder Ömür. Als ihre Söhne in der Kita und Grundschule waren, wollte sie „aus dem Haus raus“ und jobbte stundenweise in der Bäckerei Borkes. „Die Kinder und der Mann werden selbständiger, wenn die Mutter arbeitet.“ Auch das war ungewöhnlich, in Lohberg blieben die Frauen zuhause.

 

Für kurze Zeit gab sie die Stelle wieder auf, fing aber 1996 im Lohberger Lottoladen und Reisebüro Förster an. „Ich hatte dort Schulbücher bestellt und spontan gefragt: Wollen Sie mich einstellen?“ Ja, das passte – und Zekiye Hafizoglu arbeitet heute noch dort. „Früher habe ich die Kinder in den Bus zur Schule gesetzt, gearbeitet und sie nach Schulschluss wieder in Empfang genommen.“

 

36 Jahre als Schweißer auf dem Thyssengelände

 

Ihr Mann kam 1973 als 16-Jähriger nach Dinslaken. Er lernte über und unter Tage, war bis 1978 Bergmann und besuchte dann die Schweißerschule. Bis zu seiner Hochzeit ging er auf Montage. Inzwischen ist İlhami Hafizoglu seit 47 Jahren im Beruf und arbeitet seit 36 Jahren als Schweißer bei der Firma Schulz auf dem Thyssengelände in Duisburg. „Seit er 60 ist, merkt er seine Knochen, aber er meint, die anderthalb Jahre bis zur Rente schafft er noch“, erzählt seine Frau.  

 

Als 16-Jähriger auf der Zeche angefangen

 

Ömür Hafizoglu erzählt: „Vor meinem Vater waren mein Opa und sein Bruder schon hier. Sie haben vorerst zu dritt in Möllen gewohnt und zogen dann in ein Arbeiterzimmer in der Stadtmitte. Einige Zeit darauf bekamen mein Opa und mein Vater eine Wohnung an der Stollenstraße in Lohberg. Einige Monate später holten sie meine Oma und meinen Onkel in der Türkei ab, ab um gemeinsam in der neuen Wohnung zu leben.

 

Als mein Vater in Deutschland ankam, war ihm klar, dass er am schnellsten auf der Zeche einen Job findet. Dazu kam, dass die Söhne von Freunden meines Opas ebenfalls dort tätig waren. Das gab meinem Vater mehr Sicherheit, so entschied er sich, auf der Zeche zu arbeiten. Er blieb dort fünf Jahre. Da die Arbeit sehr gefährlich war, bat meine Oma ihren Sohn darum, den Arbeitsplatz zu wechseln. So begann mein Vater in der Stahlindustrie und ist da heute noch tätig.“

 

„Man denkt wie hier, aber man ist noch Türke“

 

Obwohl sie als Kleinkind nach Deutschland kam, fühlt sich Zekiye Hafizoglu als Türkin. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat niemand aus der Familie. „Man lebt hier und denkt wie hier, aber man ist noch Türke“, erklärt sie. „Wir akzeptieren die Deutschen und ihre Kultur und wollen nicht gegeneinander leben. Aber wir leben unseren Glauben, wir fasten im Ramadan und die Kinder waren in der Koranschule.“ Als Zekiye Hafizoglu nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder ihren Geburtsort Görele in der Provinz Giresun besuchte, dachte sie: „Du gehörst noch hier hin.“ Auch die Verwandten, die sie noch nie getroffen hatte, wussten genau, wer sie ist.

 

Teil 2 des Textes folgt in Kürze auf kql.de

 

Text: Gudrun Heyder

Fotos: Gudrun Heyder (1) / privat

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