„Ich kann am liebsten Farbe…“

 

Walburga Schild-Griesbeck war 2009 die erste Künstlerin im Kreativ.Quartier Lohberg. Farbraummalerei und soziale Kunstaktionen sind ihre Leidenschaft, ihr Lebensmotto heißt „dennoch“.

 

Bei einem Porträt über die 60-jährige Künstlerin lässt sich aus dem Vollen schöpfen: Ihr Tatendrang, ihre Ideen und Projekte sind ebenso beeindruckend wie ihre farbstarken, ausdrucksvollen Gemälde. „Ich bin bodenständig“, sagt die vielfach engagierte Frau mit „bayerischem Migrationshintergrund“ über sich. In der Tat verkörpert Walburga Schild-Griesbeck das Gegenteil vom Künstler im Elfenbeinturm, der abgeschirmt vom alltäglichen Treiben zum Pinsel greift, wenn ihn die Muse küsst.


Als vor fünf Jahren erstmals Künstler gesucht wurden, die Räume im Kreativ.Quartier beziehen, sah sich Schild-Griesbeck ohnehin gerade nach einem neuen Schaffensort um. 2004 hatte sie nach einem weiteren Atelierstudium in Voerde ihr Atelier „freiart“ eingerichtet. Ihre Hauptbedingung für das Domizil: keine Mäuse. Sie lagert jede Menge Bilder in ihrer Werkstatt, und Nagetiere müssen draußen bleiben. „Mir war sehr schnell klar, dass ich hier hin will. Als Künstlerin hat mich die Vision vom Kreativ.Quartier gepackt. Mein persönliches Interesse ist, in diesen besonderen Räumen zu arbeiten: Sie atmen etwas vom Energie-Schaffen auf der Zeche. Mich interessiert, wie Wandel geschieht, von der Historie zur Gegenwart, und was beides verbindet.“


Innerhalb von sechs Wochen machte sie aus einem Büro im ehemaligen Betriebsratsgebäude ein Atelier. Mit tatkräftiger Unterstützung ihres Mannes Peter Griesbeck räumte sie Aktenstapel weg, strich die Wände weiß und eröffnete ihre erste Ausstellung. „Wir haben dann sehr schnell in das jetzige Atelier im ehemaligen Sozialgebäude gewechselt und uns hier fest eingemietet.“ Die fünf Jahre im Kreativ.Quartier kommen ihr im Rückblick wie ein „wilder Fluss“ vor. Nicht nur in Dinslaken, Düsseldorf und Köln ist Schild-Griesbeck künstlerisch aktiv und in Galerien vertreten, sondern auch in den Niederlanden, Dublin und Tokio hat sie ihre Werke gezeigt.

 

„Das Eigenleben von Farben ist ihre elementare Kraft.“


Für die ungegenständliche Farbraummalerei schlägt ihr Herz. „Die Farbe erzählt die Geschichte, sie ist Form, Mittel und Inhalt der Malerei“, betont sie. Bis zu 70 lasierende Farbschichten trägt sie auf eine Leinwand auf. Dabei entstehen Bilder von großer Intensität und Tiefe, die ebenso harmonisch wie geheimnisvoll wirken und dem Betrachter viel Raum für Assoziationen lassen. Die Künstlerin sieht sich in der Tradition von Gotthard Graubner und Mark Rothko, die Farben und ihre Wirkung zum Gegenstand ihrer abstrakten, expressiven Gemälde machten. „Die beiden verstehe ich künstlerisch sehr gut, aber auch Friedensreich Hundertwasser, den ich als Kind bei meiner Tante in Wien selbst kennengelernt habe.“


Von Abbildungen etwa in Illustrierten, deren Farbigkeit und Komposition sie ansprechen, lässt sich die Malerin inspirieren. Oder von Musikstücken oder von Satzfragmenten wie „Verlieren verboten“ oder „Alles so schön bunt hier.“ Sie wählt die richtigen Farben für ihr neues Werk aus, zeichnet Skizzen und entwirft schrittweise die Bildarchitektur. Jedem Gemälde liegt ein mehrstufiges Konzept zugrunde. Weiterer Ursprung ihrer Kunst sind gesellschaftliche Themen, die sie packen. „Ich bearbeite diese mit meinen eigenen Mitteln, ich male keine Gefühle.“

 

„Ich male, weil ich Regeln hinterfrage.“

 

Aus Walburga Schild-Griesbecks Lebensweg erklärt sich, warum Kunst und soziales Engagement für sie so eng zusammen gehören. Ihre Familie, Bauern und Musiker, kamen aus dem tiefsten Bayern nach Duisburg, der Arbeit des Vaters wegen. Hier wurde sie geboren. „Wir haben extrem bayerisch gesprochen und gelebt. Ich war das bunte Schaf der Familie und habe schon mit vier Jahren auf der Bühne gesungen.“ Ihre Lehrerin nötigte sie, ihren Dialekt abzulegen und sich anzupassen.


Die 14-Jährige entflammte für die bunte und freiheitsliebende 68-er Bewegung. „Ich war ein Flower-Power-Farbmädchen!“ Nach der Schule wollte Hippie Walburga ein Kunsthandwerk erlernen, nämlich Paramentenstickerin und Weberin werden, das heißt im Kirchenraum und in der Liturgie verwendete Textilien künstlerisch gestalten – im weiteren Sinne Farbflächen. Dazu kam es aber nicht, sondern die 18-Jährige geriet durch Zufall in das erste Mutter-Kind-Heim in Duisburg und blieb gleich für ein Jahr. Im Schnelldurchlauf wurde sie Wirtschafterin und erlangte den Meisterstatus. Zugleich absolvierte sie ein sozialpädagogisches Großpraktikum und bildete sich daraufhin zur Dozentin für Gestaltung, Wahrnehmung und Werkstoffe weiter.


„Damals bin ich der Sozial- und Sonderpädagogik total verfallen. Seitdem fasziniert mich die Frage: Was kann man tun – dennoch, wenn jemand ein soziales, körperliches oder geistiges Handicap hat? Oder nicht in der Lage ist zu kommunizieren?“ Viele kunstpädagogische und –therapeutische Fortbildungen folgten. „Über Farbe lässt sich zum Beispiel mit Menschen kommunizieren, die keine Sprache haben. Farbe hat eine höhere Schwingung als Töne.“


Schild-Griesbeck, die ohne Vorbehalte auf Menschen zugeht, hat unter anderem mit Häftlingen und Frauen auf dem Straßenstrich gearbeitet, auch mit Hooligans, die sie erstaunlicherweise für Seidenmalerei erwärmen konnte. Einmal im Jahr widmet sie unter dem Motto „Flachdach“, das für eher anfällige Konstruktion ähnlich dem Sozialsystem steht, sozialen Initiativen eine Ausstellung. Dazu zählen die Dinslakener Tafel, die örtliche Beratungsstelle für Familienplanung und Sexualität sowie eine Gruppe, die krebskranke Kinder unterstützt. Für ein Projekt zugunsten der „Hilfe für junge Mütter und ihre Kinder“ der Dinslakener Diakonie strickten und häkelten nach ihrem Aufruf 82 Frauen 123 farblich abgestimmte Schals, die ein Gesamtkunstwerk ergaben.

 

Hauptfarben Weiß, Rot und Schwarz: „Ich bin keine Pastellfrau.“

 

Mit 20 heiratete Walburga Schild-Griesbeck, mit 24 bekam sie ihren Sohn. Nun stand „KuK“ im Mittelpunkt: Kunst und Kinder. Mini-Bilderbücher, bemalte Schnapprollos und anderes entstanden aus Farbe und Fantasie. In den 80-er Jahren begann sie mit Textilkunst, damals wichtig für feministische Künstlerinnen, und nähte unter anderem Collagen. Mit den 1968-ern einher ging die Frauenbewegung, und auch da war Walburga mittendrin, sie fühlt sich ihr noch heute verbunden. Ihre Hauptfarben sind Weiß, Rot und Schwarz. Sie stehen für die „reine“ Jungfrau, die voll erblühte Frau als Lebensspenderin und die reife, weise Frau, die vom ewigen Wandel in der Natur weiß.


Schild-Griesbeck definiert sich selbst als „Baumfrau“: mit starken Wurzeln in der Erde und in den Himmel gereckten Armen. Woher sie die Energie bezieht, um alle ihre Vorhaben zu realisieren, erklärt sie so: „Ich fühle mich oft von sozialer Problematik aufgefordert, etwas zu tun, und vom großen Rätsel der Schöpfung. Ich kann ja nichts anderes tun als Farbe!“ Das ist etwas tief gestapelt, denn Professionalität ist ihr bei der Kunstproduktion wie auch beim sozialen Engagement sehr wichtig. Mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, gemeinsam Kreatives auf die Beine zu stellen, ist genauso Teil ihres Lebens wie die stillen Stunden, in denen sie Gedichte schreibt oder über die Rätsel der Natur und des Daseins nachsinnt.

Von nun an will die schaffensfreudige Frau etwas kürzer treten, sich mehr auf ihre Kunst konzentrieren und auf ihre Familie, vor allem die Enkelkinder. Immer an ihrer Seite ist dabei Peter Schild-Griesbeck, der nach seinem Berufsleben als Steiger in Walsum ebenfalls die Kunst für sich entdeckt hat. „Er ist mein Bodyguard, Fahrer, Assistent, Hängemeister und Webdesigner“ erklärt sie liebevoll.


 

Text: Gudrun Heyder


 

INFO

 

Walburga Schild-Griesbecks jüngstes Projekt im Juni 2014 war eine Malaktion mit demenziell veränderten Senioren inklusive Ausstellung in ihrem Atelier.


Außerdem war sie u.a. beteiligt an der Pott Radtour, dem Projekt Kunst statt Leerstand, den Kreativgeschichten, dem Festival Licht im Schacht und dem Kültürtag.


www.atelier-freiart.de


Atelier freiart

Kreativ.Quartier Lohberg

Hünxer Strasse 374

46537 Dinslaken


Öffnungszeiten
mittwochs von 10.00 bis 13.00 Uhr
freitags von 15.00 bis 18.00 Uhr
und nach Vereinbarung: 0177-4237954
 

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