Muss das weg oder wird das Kunst?

 

Thomas Zigahn, Inhaber von „Tanz auf Ruinen – Upcycling & Schallplatten“ fertigt per Hand nützliche und originelle Unikate aus Abfall und dem, was andere dafür halten. Seinen Weg aus der Konsumgesellschaft geht der Jungunternehmer konsequent - und seine Zielgruppe wird immer größer.

 

Thomas Zigahn brachte zuhause den Müll runter und dachte: „Eine volle Tüte, nur von mir, in drei Tagen? Welchen gigantischen Müllberg produzieren dann 80 Millionen Einwohner in Deutschland? Was kann ich besser machen?“ Und damit war die Idee vom Start up „Tanz auf Ruinen“ geboren. Der 31-jährige Dinslakener stellt Neues, Alltagstaugliches und Schönes aus Abfall und alten Gegenständen her, die niemand mehr braucht.

 

Mit Upcycling will der ehemalige Sonderpädagoge künftig seinen Lebensunterhalt verdienen. Im November 2013 hat er ein Atelier, das Labor22, im Gesundheitshaus bezogen.
Ökologisch, fair und vegan ist alles, was Thomas Zigahn mit eigenen Händen herstellt. Darauf legt der Veganer und überzeugte Konsumvermeider Wert.

 

Für seinen persönlichen und beruflichen Bedarf kauft er fast nichts. Haushaltsauflösungen, alte Schätze aus privaten Sammlungen, weggeworfene Gegenstände – damit hat er sein Ein-Zimmer-Atelier im KQL eingerichtet und daraus fertigt er seine Waren an. Den großen Tisch im Atelier hat er aus Europaletten gebaut, der Schrank ist vom Sperrmüll. Sein erstes Produkt, noch zuhause angefertigt, beruhte wie seine Unternehmensidee auf einem Zufall: „Mein Gürtel war kaputt und aus einem alten Fahrradmantel habe ich mir einen neuen gebastelt.“ Das Material für die stabilen Gummigürtel bezieht er inzwischen von Fahrradhändlern.

 

Upcycling: Nutzloses wird wertvoll ohne Energieverbrauch

„Upcycling bedeutet, Materialien ohne Energieverbrauch aufzubereiten und zu einem neuen, hochwertigeren Produkt zu verarbeiten – im Unterschied zum Recycling, das immer Energie benötigt, um Materialien umzuwandeln und nur einen Teil davon verwenden kann“, erklärt Zigahn. Der Tüftler und Erfinder braucht nur etwas scheinbar Wertloses zu sehen, und schon sprudeln die Ideen dafür, was daraus Schönes und Brauchbares entstehen kann. Nichts ist zu klein, um wieder aufzuerstehen. Aus Briefmarken tüftelt er winzige Scherenschnitte, filigrane Schmuckstücke oder – gerade in Vorbereitung – Mosaike.


„Ich habe 25 Kilo Briefmarken zuhause, das müssen viele Tausend Stück sein“ erzählt der Kreative. Er sortiert sie in mühevoller Kleinarbeit nach Farben und Motiven und will daraus Gemälde reproduzieren, zum Beispiel aus französischen Marken die Mona Lisa. Der lebhafte Mann, der gerne und viel redet, muss große Geduld haben. Auch seine Faltbücher sind äußerst sorgfältig hergestellt, Seite für Seite knickt er sie so, dass ein kunstvolles geometrisches Muster entsteht. Die Mühe lohnt sich: Die Dinslakener Stadtbücherei will demnächst ein Regal damit gestalten, auch eine Buchhandlung hat angefragt.

 

Sojamilch-Tetrapacks bilden stabile Einkaufstasche

Viele Upcycling-Produkte sind im Alltag verwendbar, wie die stabilen Wasser abweisenden Einkaufstaschen, geflochten aus Streifen von Soja-Milch-Tetrapacks – natürlich von Thomas Zigahn selbst ausgetrunken. Die Trageriemen fristeten ihr erstes Leben als Lattenrost-Führungsriemen, die Nieten entstammen einem Dachbodenfund.

 

Eine Auftragsarbeit ist die farbenfohe Flechttasche aus einem Tim und Struppi-Heft, ein weiteres buntes Exemplar war mal der Schulatlas des fantasievollen Selfmade-Designers. Jedes seiner Unikate fertigt Zigahn selbst an: Aufkleber, Bücher, Blocks, individuelle Buttons (mit veganer Tinte), Poster, Uhren aus alten Schallplatten und anderes mehr. Demnächst kommt upgecyclete Kleidung hinzu. Die Preise richten sich nach seiner Arbeitszeit, das Material ist ja umsonst. Außerdem ist Tanz auf Ruinen auch ein Independent-Label, das ausgewählte, analoge Musik ohne ZwischenhändlerInnen vertreibt. Im Atelier kann mensch (Zigahn würde keinesfalls „man“ sagen) auch entspannt Musik hören und dabei einen fairen Biokaffee genießen.


Thomas Zigahn programmiert die Website, über die er seine Produkte vertreibt und fotografiert alles dafür, besucht erfolgreich zahlreiche Nachhaltigkeitsmessen in Deutschland, kümmert sich um Buchhaltung und Finanzen und organisiert zudem mit einigen Gleichgesinnten den Vegan Brunch Duisburg und neuerdings den Vegan Stammtisch Dinslaken. Das alles schafft er mit unermüdlichem Einsatz alleine, nur beim Müll- beziehungsweise Rohstoffsammeln unterstützen ihn Freunde, Familie und Fans seiner Idee.

 

Unternehmensidee passt gut zum KQL-Gesamtkonzept

Thomas Zigahn ist überrascht davon, wie gut sein Einmann-Unternehmen bereits läuft. Die Nachfrage ist hoch. Eigentlich sollte sein Leben ganz anders laufen: Er hat erst Sonderpädagogik studiert und dann Rehabilitationswissenschaften. „Während des zweiten Studiums habe ich Vollzeit gearbeitet, von drei bis elf Uhr abends in einem Jugendzentrum.“ Irgendwann merkte er, dass er das nicht mehr will. „Ich habe im Studium aber viel gelernt, was mich als Person geprägt hat. Ethik, Moral, Geschichte, Kunst und anders mehr.“ Sein hoher Anspruch an den eigenen Lebensstil – konsequent ökologisch, vegan und fair – hat sich daraus entwickelt. Und Wegwerfen konnte er schon als Kind nichts.


Mit seinen fast zu 100 Prozent ressourcenschonend hergestellten und nachhaltigen Produkten verwirklicht der Jungunternehmer im Kleinen, was das Kreativ.quartier Lohberg als Gesamtprojekt kennzeichnet: Wohnen und Arbeiten sollen CO2-neutral vonstatten gehen. Die nötige Energie liefern unter anderem Wind, Sonne und Grubengas. Thomas Zigahn fühlt sich wohl inmitten der Kreativen und hat schon viele Kontakte geknüpft. „Woanders gibt es in Dinslaken auch nichts, wo ich hingepasst hätte. Die Miete ist gut bezahlbar, zumal ich mir das Atelier mit dem Künstler Ben Perdighe teile.“

 

Teilen ist eines seiner Lebensprinzipien. In den Flur hat er ein „Umsonstregal“ gestellt. Mieter und Besucher platzieren dort ausrangierte Sachen. Wer etwas davon brauchen kann, nimmt es mit: So einfach kann das Leben ohne Shoppen sein. Die Wegwerfgesellschaft hat für Zigahn keine Zukunft. Er setzt der industriellen Massenproduktion lieber Handarbeit, individuelle Produkte, Umweltschutz und einen fairen Umgang mit seiner Kundschaft entgegen.

 

Aktiv bei Pottradtour und Extraschicht

An der Extraschicht am 28. Juni 2014 beteiligt sich Thomas Zigahn mit Upcycling-Installationen und einem veganen Bratwurststand. Bei der „Pottradtour“ vom 7. bis 15. Juni zeigt er Jugendlichen im KQL, wie sie Portemonnaies aus Tetrapack anfertigen können, sogenannte Tetramonnaies. Sozial benachteiligte SchülerInnen aus Berlin, Bonn, Dortmund und Lahr radeln während der Tour von Dinslaken nach Dortmund, um das Ruhrgebiet und seine ehemaligen Zechen kennenzulernen.

 

 

Öffnungszeiten

Tanz auf Ruinen im ehemaligen Gesundheitshaus an der Hünxer Straße 372 hat jeden Mittwoch von 12 bis 20 Uhr geöffnet.

 

www.tanzaufruinen.de

 

 

Text: Gudrun Heyder - text, redaktion, pr

Fotos: Matthias Schreyer - Eight Fingers Down

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