„Ich möchte Brücken bauen“


Im Turm des Sozialgebäudes dreht sich bei der deutsch-jemenitischen Sängerin Samirah Al-Amrie alles um die Musik und ihre Vermittlung. Im Mittelpunkt steht immer die intensive Begegnung mit anderen Menschen.

 

Samirah Al-Amrie ist eine vielseitige Künstlerin: Sie singt solo und in mehreren Bands, beherrscht die Stile Jazz, Pop, Bossa Nova, Musical und Chanson, komponiert, arrangiert, gibt Gesangsunterricht, leitet einen Chor und hat in Filmen mitgewirkt. „Ich möchte Brücken bauen, zwischen Genres und zwischen Menschen“, sagt die 36-Jährige. Brücken zu bauen liegt gewissermaßen in ihrer Natur: Ihre Mutter stammt aus Ostberlin, ihr Vater aus dem Jemen, die Großmutter hat ein jemenitisches und ein indonesisches Elternteil. Samirah Al-Amrie wurde in Berlin geboren und wuchs in Köln auf. Die Sängerin mit dem klangvollen arabischen Namen war 2010 eine der ersten Unternehmenslustigen, die das Kreativ.Quartier Lohberg zum Zentrum ihres Schaffens machte.

 

Den kleinen achteckigen Turm des Sozialgebäudes hat sich Samirah Al-Amrie damals ausgesucht, „weil sich der Raum in der oberen Etage als einziger für Gesangsunterricht eignet, er strahlt Ruhe und Geborgenheit aus.“ Die Fenster rundherum lassen viel Licht in das Turmzimmer, die Gesangslehrerin und ihre Schüler können hier ungestört üben. Der gleich große Raum darunter ist fensterlos und daher ideal als Samirah Al-Amries Tonstudio. Steile Stiegen führen zu ihrem kleinen Domizil hinauf. Mit der Yogaschule Susanne Nasfi und den Bildenden Künstlerinnen im Sozialgebäude pflegt Al-Amrie gute Kontakte, mit Ulrike Int-Veen hat sie mehrfach Installationen und Performances für Veranstaltungen im KQL kreiert.

 

Die zierliche Künstlerin fiel schon als Schülerin mit ihrer schönen Stimme auf, gründete mit 14 Jahren ihre erste Band und wurde immer wieder in ihrem Wunsch bestärkt, Sängerin zu werden. „Zu Beginn habe ich in Hamburg Musical studiert, aber das war mir zu viel Tanz und zu wenig Gesang“, blickt sie zurück. „Ein festes Gehalt bei einem Musicaltheater hat mich zwar gereizt, aber ich wollte nicht jeden Tag in derselben Inszenierung auf der Bühne stehen, ich brauche mehr Freiheit.“ So wechselte sie zum Jazz- und Pop-Gesang und zur Gesangspädagogik an die Berliner Musikhochschule Hanns Eissler, ging zeitweise als Stipendiatin nach Stockholm und schloss mit dem Diplom ab.

 

In Berlin war Samirah Al-Amrie dann „als Einzelkämpferin“ in der Musikszene unterwegs. „Es ist luxuriös, unter vielen guten Musikern wählen zu können, wenn man einen Bass oder einen Ud-Spieler sucht, aber die Konkurrenz im Musikmarkt ist groß.“ Die Sängerin lernte ihren damaligen Freund kennen, der in Dinslaken wohnt, und zog 2010 zu ihm ins Ruhrgebiet. „Ich hatte das Gefühl, hier mehr bewegen und mich künstlerisch anders ausdrücken zu können. Da ich noch keine Kontakte hatte, habe ich mich zuerst auf mein Soloprogramm gestürzt.“

 

„Ich bin keine Rampensau, sondern ich erzähle gerne meine Geschichten.“

 

Die Gründung des Kreativ.Quartiers kam für die Tonkünstlerin zum richtigen Zeitpunkt, sie sah die Chance, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. „Das Timing war perfekt. Bereits bei der Eröffnung in der Lohn- und Lichthalle habe ich mit Ulrike Int-Veen, Gabriele Sowa, Walburga Schild-Griesbeck, Constanze Alef, Edda Treuberg und Britta L.QL zusammen gearbeitet“, berichtet Samirah Al-Amrie. „Ich hatte die Idee, ihre Kunstwerke zu besingen. Ali & Tuncay Dilekci’s Band und ich standen hinter den Besuchern im Halbdunkel und das Licht war auf die Kunstwerke gerichtet. Dieser gemeinsame Auftakt hat unsere Gruppe von Anfang an gestärkt.“

 

Die meisten der im KQL Aktiven haben drei Jahre später den Verein „Kreative im Quartier Lohberg“ gegründet, in dem Al-Amrie zweite und Int-Veen erste Vorsitzende ist. Unter anderem stellen sie vier Mal im Jahr ein „Open House“ auf die Beine. „Ich brauche einen Punkt, an dem ich mit anderen Künstlern in Berührung komme und mich frage, wo ich mich einklinken kann“, schildert Al-Amrie ihr schöpferisches Vorgehen. „Für eine Zusammenarbeit bin ich immer offen. Nach meinen viereinhalb Jahren im KQL bin ich sehr zufrieden und habe mir ein stabiles Netzwerk aufgebaut.“

 

Die Relikte der ehemaligen Zeche inspirierten die Sängerin immer wieder, vor Ort Klänge zu produzieren: Zur Installation „Der Klang des SommerSchnees“ von Ulrike Int-Veen und Gabriele Sowa komponierte sie passende Musik und spielte auf einem unverrückbaren Stahlschrank in der Schwarzkaue. Die aufgenommenen Geräusche integrierte sie dann in die Installation. Für eine weitere Installation verwendete das Trio Glas- und Spiegelbruch und dessen Geräusche. Außerdem schuf die Musikerin daraus einen Rhythmus für ihren Song „Always“.

 

In ihrer Arbeit hält sie die Waage zwischen eigenen künstlerischen Projekten und dem Gesangsunterricht, mit dem sie elf Jahre Erfahrung hat. Ihre jüngste Schülerin war 13, der älteste über 70. Dabei geht es ihr nicht um die Vermittlung von Techniken, obwohl sie das auch gezielt einsetzt. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht auch hier der Mensch mit seiner individuellen Geschichte, seinen Gefühlen und den Blockaden, die beim Singen oft zutage treten. „Die Stimme ist ein Spiegel der Seele“, weiß die Gesangspädagogin. „Oft sitzt der Hals zu, und ich setze dann viel Entspannung und Körperarbeit ein.“

 

„Beim Gesangsunterricht gehe ich mit den Emotionen des Schülers und suche nach neuen Wegen, das ist eine schöne Arbeit.“

 

Dieser ganzheitliche Umgang mit der Stimme - beziehungsweise dem ge- oder verstimmten Menschen - fasziniert Samirah Al-Amrie so, dass sie gerne eine körperorientierte Trauma-Fortbildung in „Somatic Experience“ machen möchte. „Aber das ist sehr teuer und jetzt noch nicht dran“, hat sie entschieden. Auch Quantenphysik interessiert die Stimm- und Klangforscherin. „Welche Töne erreichen welche Organe?“ ist eine der Fragen, auf die sie Antwort sucht.

 

Großen Spaß macht der Dinslakenerin auch die Leitung des Männerchors „Vielhomonie Rhein Ruhr“. „Ich habe zwar keine Chorleiterausbildung, aber ich kann viel aus meiner langjährigen Bühnenerfahrung weitergeben und den Männern gefällt das. Wir sind eine richtige Familie geworden.“ Als Solokünstlerin konzentriert sich Samirah Al-Amrie vor allem auf ihr „Solo Loop Projekt Miraloo“. „Mira“ steht für ihren Namen und „loo“ für Loop. Bei ihren Live-Performances lässt sie Klanggebilde mit ihrer Stimme und Instrumenten wie Glockenspiel, Melodika und Sansula entstehen. Die „Loops“, Endlosschleifen kurzer Phrasen, werden live aufgenommen und direkt wiedergegeben, um als Begleitung ihrer Songs zu dienen. Pianist Ron Cherian rundet den Sound ab. Außerdem kann man Al-Amrie für Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder Formenjubiläen buchen, als Duo mit ihrem Klavierpartner, mit der Party-Show-Band „Hit Mama“ oder auch mit einem Chor zur Weihnachtszeit.


Ihr neues Liebelings-Projekt ist das „Trio de Rosa“: Beim Kunst- Festival „Ta’atooim“ in Israel lernte Al-Amrie im April 2014 Ronnie Waldmann (Tanz, Udu, Stimme) und Dekel Terry (Gitarre, Stimme, Tanz) kennen. „Uns verbindet nicht nur die Liebe zum Flamenco, sondern auch unsere Herkunft: Wir haben jeweils ein Elternteil, das aus dem Jemen stammt.“ In ihrer meist selbst komponierten Weltmusik vereinen sich Flamenco, Pop, isrealische und jeminitische Folklore sowie Jazz.


Auftritt mit dem israelisch-deutschen „Trio de Rosa“ im Ledigenheim beim Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Arad – Weltmusik mit Flamenco


Bei den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Dinslaken und der israelischen Stadt Arad, 25 Kilometer westlich des Toten Meers gelegen, tritt das Trio de Rosa am 19. September 2014 im Ledigenheim auf . Einen Abend zuvor ist es im Essener Katakombentheater zu erleben. Bei der Eröffnung des Bergparks am 26. Oktober 2014 singt Samirah Al-Amrie dann mit dem Dinslakener Gitarrist Ingo Borgardts von ihm arrangierte Volkslieder.


Berufliche Ausflüge unternimmt die viel beschäftigte 36-Jährige auch gelegentlich in die Filmbranche. Sie stand schon gemeinsam mit Devid Striesow im Chor, als der bekannte Schauspieler 2009 unter Tom Tykwers Regie im Kinofilm „Drei“ mitwirkte. Im selben Jahr sang sie auch für die Filmmusik des ZDF-Films „Der Tote im Spreewald“. Für den Film „Kusskuss“ komponierte und interpretierte Al-Amrie 2004 arabische Songs. Die Ideen für neue Betätigungsfelder gehen der Songwriterin, Komponistin und Arrangeurin nie aus. Zum Beispiel hat sie im Schauspiel Essen die musikalische Leitung für eine Inszenierung übernommen.

 

Ihren künstlerischen Weg geht Samirah Al-Amrie konsequent, und trotz ihrer Talente und Fähigkeiten ist sie ein bescheidener und selbstkritischer Mensch. „Ich frage mich manchmal, was ich im Leben erreicht habe“, sagt sie nachdenklich. Von außen betrachtet, ist das eine Menge. Was zählt, sind außer ihrer Musik, die sie in die Welt trägt, die intensiven Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen, die Offenheit für neue Erfahrungen, der Wunsch, sich mit anderen zu verbinden. So sanft Samirah Al-Amries Stimme und ihre Ausstrahlung wirken können, darin tritt auch viel Intensität und Kraft zutage.

 

Das Kreativ.Quartier Lohberg ist der Standort, von dem aus Samirah Al-Amrie immer wieder ausschwärmt, wenn sie mit ihren verschiedenen Ensembles in Deutschland und Europa tourt. Vor kurzem erst ist sie von einer fünfwöchigen Reise nach Arad zurückgekehrt. Sich während des Krieges in Israel aufzuhalten, war mutig, auch wenn in der südlich gelegenen Stadt keine Kampfhandlungen stattfanden. Aber auch vor einer Reise in den Norden schreckte die Halbjemenitin nicht zurück. Passiert ist ihr nichts, aber sie hatte vor der Einreise Angst, ob sie überhaupt ins Land gelassen würde: „Am Flughafen in Tel Aviv wurde ich sehr ausführlich dazu befragt, was ich in Israel vorhabe. Auch meine Gastgeber mussten detailliert Auskunft geben. Grundsätzlich macht mir das aber nichts aus, denn ich verstehe, wenn in der Situation das Sicherheitsbedürfnis groß ist.“


In ihrer deutschen Heimat begegnet Samirah Al-Amrie selten ablehnendes Verhalten wegen ihres Aussehens und ihres Namens. In ihrem Beruf erlebt sie ihre Wurzeln in mehreren Kulturen als Vorteil. Die Kritiker ihre Auftritte und CDs schwärmen von ihrer Ausstrahlung und ihrer Stimme:

 

„Al-Amrie singt mit ihrer weichen kraftvollen Stimme so liebevoll, als beweine sie den Tod der Welt und gestikuliert dabei, als halte sie in ihren Armen das neugewordene Leben der Erde.“ Rhein Main Presse
„Ebenso vielfältig wie die Klangeffekte ist Al-Amrie’s Stimme, die mal verspielt, mal kühl und dann wieder warm und sinnlich erklingt.
“ Allgemeine Zeitung Mainz


„Samirah Al-Amrie nimmt ihre Hörer auf eine intensive, persönliche Reise, mit gefühlvoller Stimme und kraftvollen Arrangements. Jeder Song ist dabei ein kleines Juwel.“ Lokalkompass Essen

 


„Musik im Turm“


www.samirah-al-amrie.de

www.myspace.com/samirahalamrie
www.hitmama.de

 

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