29.05.2020

Eine Erfolgsgeschichte: 40 Jahre Bcherstube Lohberg

Oben: Dieses kleine Haus beherbergte die Bcherstube bis zum Umzug in das Ledigenheim.

In einem Wohnhaus eröffnete die literarische Begegnungsstätte am 02. Juni 1980. Mit ihrem deutsch-türkischen Medienbestand wurde die Stadtteilbibliothek zum überregionalen Vorbild. Der Umzug in das Ledigenheim 2007 erwies sich dann als Glücksfall. Wegen Corona müssen die Jubiläums-Aktionen ausfallen, aber die  Lohberger*innen lieben ihre Bücherei auch ohne Festivitäten.

 

„In die Bruchbude ist Atmosphäre eingekehrt“, schrieb die Ortspresse 1980 ganz unverblümt. Ein Reihenhaus mit 126 Quadratmetern als Bücherei? Was nicht passt, wird passend gemacht, dachte sich die junge Leiterin der Lohberger Stadtteilbibliothek. Unten die Erwachsenen, oben die Kinder, bald darauf umgekehrt, um den spielenden und stöbernden Nachwuchs besser beaufsichtigen zu können, so ging das.  

 

Einstimmiger Beschluss des Stadtrats

 

Edith Mendel, damals Berufsanfängerin (siehe dazu auch das Porträt unter „Aktuelles“), leistete mit dem Aufbau der Bücherstube eine Pioniertat. „Im März 1979 beschloss der Stadtrat einstimmig, in Lohberg eine Zweigstelle der Stadtbibliothek aufzumachen“, erinnert sich die langjährige Leiterin der Dinslakener Bibliothek. „Damals gab es weder kulturelle Angebote noch eine Begegnungsstätte im Stadtteil. Bücherstube sollte sie heißen, weil man mit ‚Stube‘ ein gemütliches Wohnzimmer assoziiert. Um die Kontinuität zu wahren, haben wir den Namen nach dem Umzug ins Ledigenheim beibehalten, obwohl wir dort über 380 Quadratmeter Platz verfügen.“ Die Räumlichkeiten dort seien wunderbar, schwärmt Edith Mendel, und die zentrale Lage optimal.

 

Arbeitsauftrag: „Machen Sie mal!“

 

Edith Mendels Arbeitsauftrag lautete „Machen Sie mal!“ Also probierte sie alles Mögliche aus, verwarf es, wenn es nicht passte für die Lohberger Bevölkerung, und behielt es bei, wenn es erfolgreich war. Ihren ursprünglichen Plan, auf dem geringen Raum eine Mini-Universalbibliothek vorzuhalten, gab sie auf. „In Lohberg waren Bücher über Philosophie und Kultur nicht sehr gefragt.“ In der Zechensiedlung überwog das Interesse an Lektüre zu Haus, Ernährung und Garten.

 

Erfolgsrezept: Medien in zwei Sprachen

 

„Medien in türkischer Sprache hatten 1980 nur Großstädte wie Duisburg oder Köln“, erklärt Edith Mendel. Sie wollte unbedingt, dass die türkischen Immigranten Bücher in ihrer Muttersprache lesen konnten. Also lernte sie in der VHS Türkisch und ließ sich von einem türkischen Lehrer beraten. „Ich musste zu Beginn wenigstens Romane und Sachbücher auseinanderhalten können.“ Eine türkischstämmige Bibliotheksassistentin wurde ausgebildet, die bis heute zum „Superteam“ gehört, wie Edith Mendel es nennt. Havva Akkus, Dorthe Otto und Grazyna Musa gehören dazu. Sie bilden ein unschlagbares Team, wenn es um kreative Angebote, Neuanschaffungen und die Arbeit vor Ort geht.

 

Hauptanliegen: Sprach- und Leseförderung

 

Die Forderung, die türkische Community solle auch zuhause Deutsch sprechen, damit die Kinder das von klein auf lernen, nennt Edith Mendel kurzerhand „Stammtisch“. „Das führt dazu, dass die Kinder einen Mischmasch sprechen und weder Türkisch noch Deutsch richtig können.“ Auch heute würden Lohberger Kinder zweisprachig von Obst und Gemüse sprechen, könnten aber weder Banane, Apfel und Mandarine benennen noch Gurke, Tomate und Möhre. Dass die Kinder beide Sprachen zu beherrschen lernen, ist Edith Mendel sehr wichtig. „Unser Hauptanliegen ist die Sprach- und Leseförderung“, betont die Bibliothekarin. Dafür stehe eine große Auswahl an didaktischem Material und Sprachspielen bereit.     

 

Großer Andrang seit der Eröffnung

 

Der Andrang war in der Bücherstube von Anfang an groß und die Atmosphäre familiär. „Die Kinder kamen oft direkt vom Spielplatz“, erzählt Edith Mendel. „Sie mussten klingeln, an der Tür ihre Hände vorzeigen und sie waschen, wenn sie schmutzig waren.“ Bis heute ist die Bücherstube ein wichtiger Ort für die kleinen Lohberger*innen. „Oft sitzen sie vor der Tür und warten, bis wir aufmachen“, berichtet Edith Mendel. Die Ganztagsbetreuung der Schule schließt um 16 Uhr, aber die Bücherei hat an drei Tagen in der Woche bis 18 Uhr auf.

 

Rettung vor der Schließung

 

Auch für Ältere ist die Bücherei im Ledigenheim ein beliebter Treffpunkt. „Die Kolleginnen arbeiten seit Jahrzehnten hier, kennen die Menschen mit Namen und ihre Vorlieben.“ Ob es die „Brigitte“ ist oder ein neuer Thriller, oft liegt er schon bereit. „Dass wir so personenbezogen sind und so stark frequentiert, hat uns immer wieder gerettet, wenn aufgrund des Sparzwangs Überlegungen laut wurden, die Zweigstelle zu schließen,“ sagt Edith Mendel erleichtert. Die Bücherstube sei überdies auch ein „Geheimtipp“ für Leseratten aus Hünxe, Bruckhausen und Voerde.   

 

„Wir müssen durch Corona durch“ 

 

Die Coronakrise hat auch die Bücherstube hart getroffen, aber Edith Mendel meint pragmatisch: „Da müssen wir durch.“ Die Kinder vermissen ihre Spiel- und Bastelstunden, und die geplanten Festivitäten zum 40-jährigen Bestehen müssen ausfallen. Aber allmählich kehrt wieder Leben in das „soziale Wohnzimmer“ ein. Für die Zukunft wünscht sich die ideenreiche und engagierte Büchereichefin, die 2021 in Rente geht, „dass hier weiterhin Menschen arbeiten, denen die Bücherstube und Lohberg am Herzen liegen. Damit wir in zehn Jahren auch ‚50 Jahre Bücherstube‘ feiern können.“  

 

Unvergessliche Lesung mit Fakir Baykurt

 

Wie die Lohberger*innen ticken, schildert Edith Mendel anhand eines unvergesslichen Erlebnisses: Einst lud sie den bekannten Duisburger Schriftsteller Fakir Baykurt zu einer Lesung ein und hängte Plakate aus. Aber die Leute glaubten nicht an diese Veranstaltung. „So ein berühmter Mann kommt nicht nach Lohberg!“, verkündete ein Junge. Als Fakir Baykurt dann da war und anfing zu lesen, hörten ihm nur drei Kinder zu. Was für eine Pleite. „Dann rannte ein Junge raus und hat wohl an allen Häusern geklingelt. Einige Zeit später platzte die Bücherstube aus allen Nähten, die Menschen saßen auf den Tischen und auf dem Boden.“ Bis heute werden Neuigkeiten lieber mündlich bekannt gemacht als mit Flyern und Ähnlichem. In Lohberg spricht es sich schnell herum, wenn in der Bücherstube wieder was Schönes los ist.          

 

Text: Gudrun Heyder

Fotos: Stadt Dinslaken

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