06.04.2020

Serie Lohberger Porträts, Folge 2 - Enise Cetin, meral karci "Wir lieben es, in Lohberg zu leben"

Foto oben: Enise Cetin mit dem Vorsitzenden der Gemeinde Özkan Yildiz, unten: Meral Karci

In der DITIB-Gemeinde leitet Enise Cetin die Mädchen-Jugendabteilung und arbeitet im Vorstand mit. Meral Karcı unterstützt sie in der Mädchengruppe und engagiert sich in der Frauenarbeit. Beide Frauen sind in Lohberg aufgewachsen und leben mit ihren Familien hier.

 

Enise Cetin wurde 1994 in Lohberg geboren. Auch ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder kamen im Stadtteil zur Welt. Ihr Vater, Inhaber des Reisebüros neben der Sparkasse, stammt aus der Türkei und zog nach seiner Hochzeit nach Lohberg. Enise Cetins Großvater kam einst als Gastarbeiter nach Dinslaken. „Ich habe hier die Grundschule besucht und dann das Theodor-Heuss-Gymnasium“, erzählt Enise Cetin. Nach dem Abitur begann sie an der Universität Essen-Duisburg mit dem Studium für das Grundschullehramt. „Ich studiere noch und bin Vertretungslehrkraft an einer Grundschule in Duisburg-Neumühl“, so Cetin.

 

Grundschullehramt und Metro-Verwaltung

 

Meral Karcı lebt ebenfalls immer schon mit ihren Eltern und Geschwistern in Lohberg gewohnt. Die 28-Jährige machte nach der Grund- und Gesamtschule und dem Abi eine Ausbildung beim Großhandelsunternehmen Metro in Düsseldorf. Seit über sechs Jahren arbeitet sie dort in der Verwaltung im Release- und Usermanagement (Koordination von IT-Projekten). Wegen ihrer Vollzeitstelle und der täglichen Fahrerei kann sie nicht ganz so viel Zeit in die Gemeindearbeit investieren wie Enise Cetin. Beiden Frauen ist ihr aktives Mitwirken dort sehr wichtig.  

 

„Man erreicht die Hälfte von Lohberg“

 

In der Moscheegemeinde seien sie „schon immer“ Mitglieder gewesen. Enise Cetin: „Seit meiner Kindheit war ich sehr oft in der Moschee. Seit 2017 bin ich Mitglied im Jugendvorstand.“ Im „Obervorstand“ der DITIB-Gemeinde wirkt die Lohbergerin ebenfalls mit. Was sie motiviert? „Ich tue gerne etwas für und mit Menschen. Unsere Gemeinde ist groß, da erreicht man schon etwa die Hälfte von Lohberg, das ist eine coole Sache.“

 

Film- und Spielabende, Picknicks und Seminare

 

Als Leiterin der Mädchen-Jugendabteilung kümmert sich Enise Cetin um die Anliegen der etwa 16- bis 20-jährigen „Mädels“. „Wir fragen sie, was sie wollen und machen Film- und Spielabende, Picknicks im Bergpark und Seminare.“ Meral Karcı unterstützt Enise Cetin bei der Leitung der Mädchenabteilung. „Meine Mama ist in der Gemeinde sehr aktiv und hilft zum Beispiel in der Küche aus. Ich bin schon als Kind oft mitgekommen und wirke bei bestimmten Anlässen auch im Frauennetzwerk mit. Das ist für mich selbstverständlich, denn ich packe gerne mit an, wenn etwas anliegt.“  

 

„Die Nachbarn helfen sich gegenseitig“

 

In Lohberg zu leben, findet Studentin Enise Cetin ideal. „Man kennt hier alle, wir halten zusammen und die Nachbarn helfen sich gegenseitig, damit meine ich ausdrücklich auch unsere deutschen Nachbarn.“ Zusammen vor dem Haus bei einem Tee zu sitzen, das genießt die kommunikative junge Frau. „Einige der Vorurteile gegen Lohberg stimmen, und die soziale Kontrolle stört mich schon etwas“, gibt sie freimütig zu. „Aber die Vorteile überwiegen die Nachteile bei weitem.“

 

Vielleicht für immer hierbleiben

 

„Mir gefällt das Zusammenleben in Lohberg“, stimmt Meral Karcı ihr zu. „Wir können uns in schönen und schwierigen Zeiten auf die Nachbarn verlassen.“ So gehört etwa dazu, dass die große Gemeinde Hochzeiten ebenso wie Beisetzungen miteinander begeht, sich alle in der Gemeinschaft aufgehoben fühlen. Zum negativen Image Lohbergs meint sie: „Wenn die Leute selbst hier leben würden, würden sie das anders sehen.“ Sie kann sich gut vorstellen, für immer hier zu bleiben.   

 

Zusammen etwas auf die Beine stellen

 

Ein Problem sei, so Enise Cetin, dass „alle Vereine etwas für Lohberg tun, aber jeder bewegt sich separat. Die Moscheegemeinde kämpft dagegen an. Wir versuchen, mit den anderen zusammen etwas auf die Beine zu stellen, wie etwa das Lichterfest. Mehr gemeinsame Aktionen sind wünschenswert.“ Als „super Erfolg“ wertet die Lohbergerin den 3. Oktober 2019, an dem sich die Ansässigen und viele Auswärtige beim Frühstück auf dem Marktplatz, auf dem Flohmarkt im Bergpark und in der Moschee trafen. Auch Meral Karcı findet, dass die Kommunikation der vielen Lohberger Akteure noch besser sein könnte.

 

„Moscheegemeinde ist offen für alle“

 

Wie schon bei der Führung am damaligen Tag der offenen Moschee luden die jungen Frauen Nicht-Muslime dazu ein, jederzeit in die Moschee zu kommen und auch an Gebeten teilzunehmen. „Wir sind offen für alle, man kann nichts falsch machen. Im Gegenteil, es macht uns stolz, wenn sich jemand für uns interessiert, das gibt uns ein anderes Feeling.“

 

Lebensentscheidung für das Kopftuch

 

Ihre religiösen Verpflichtungen hat Enise Cetin immer schon eingehalten. „Ich bete fünfmal am Tag und habe 2017 die kleine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen.“ Seitdem trägt die Lohbergerin Kopftuch und einen langen schwarzen Mantel. „Ich habe mich spät dazu entschlossen, denn das ist eine Lebensentscheidung. Es war ein innerer Impuls, den ich nicht mit Worten beschreiben kann.“ Ihre Eltern seien dagegen gewesen, vor allem ihr Vater. „Mit Kopftuch kriegst Du keinen Job“, befürchtete er. Die Schule, an der sie unterrichtet, besuchen zu „95 Prozent Migranten“, die störe das Kopftuch ohnehin nicht. Allerdings halten viele Eltern die Nachwuchslehrkraft für eine Mutter und wundern sich, dass sie als Lehrerin arbeitet.

 

„Jede Frau kann tragen, was sie will“

 

„Sie sprechen deutsch? Sie studieren?“ Solche in Fragen verpackte Vorurteile ist Enise Cetin gewohnt, aber sie machen ihr wenig aus. In der Öffentlichkeit von Kopf bis Fuß schwarz umhüllt zu sein, sei ihre freie Entscheidung, erklärt Enise Cetin. Blöde Sprüche bekomme sie selten zu hören, „und wenn, denke ich, der hat einen schlechten Tag. Wenn Frauen Minirock und Top tragen, ist das auch ihre freie Entscheidung.“ Dass jede Frau sich so zeigt, wie sie will, ist der selbstbewussten Lohbergerin wichtig. Meral Karcı sieht das genauso.

 

Beliebter Aufenthaltsort Bergpark

 

Da sie mit ihrem Job, dem Familien- und Gemeindeleben sowie ihren kreativen Hobbys Malen und Fotografieren ausgelastet ist, hat Meral Karcı bisher noch keine Veranstaltungen im Kreativ.Quartier Lohberg besucht. Aber sie ist gerne im Bergpark. „Und ich mag die Landschaft rund um Lohberg.“ Cetins Familie wohnt in der Dorotheenstraße, deshalb geht sie nur ab und zu in den Bergpark und ins KQL. „Ich war beim Weihnachtsmarkt, bei der Extraschicht aber noch nie, weil wir gleichzeitig damit Gemeindefest haben.“

 

Verantwortung für Jüngere tragen

 

Enise Cetin und Meral Karcı übernehmen gerne Verantwortung für die jüngeren Gemeindemitglieder. „Wir haben viel Spaß zusammen, und wir können den Mädchen Ideen für ihr Leben mitgeben. Mir ist sehr wichtig, ihnen zu verdeutlichen, wie wichtig eine Ausbildung ist, und zwar nicht irgendeine Ausbildung“, betont Meral Karcı.

 

Text: Gudrun Heyder

Fotos: privat

 

 

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